Sonntag, 10.05.2020 – Kantate

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“

Psalm 98, 1

Liebe Gemeinde, liebe Freunde unseres Internetauftritts! 

Wer hat sie nicht gesehen, die Leipziger Fernsehbilder: Thomanerchor- und Gewandhausorchestermitgliedern, die jeder für sich ihren Part einer Bachkantate vor der Kamera einspielten oder -sangen! Und ein begabter Computertechniker schnitt dann die einzelnen Sequenzen so zusammen, dass ein vielfach geteilter Bildschirm zu einem wunderschönen Soundtrack alle miteinander verklammerte. „Singet dem HERRN auf eine neue Weise, denn die neuen Medien bieten wunderbare Möglichkeiten!“ – so möchte ich das alte Psalmwort abwandeln.

Die menschliche Kreativität angesichts der vom Corona-Regime erzwungenen Isolation ist an dieser Stelle bestimmt ein Wunder. Auch die von vielen Freunden unterstützte Intonation der großen Fußballhymne „You’ll never walk alone“ durch den Weltkriegsveteranen Tom Moore wäre hier zu nennen. Ein Hundertjähriger kam so erstmals auf Platz eins der Hitlisten… 

Beide Begebenheiten bestätigen ein Wort von Dietrich Bonhoeffer zum bevorstehenden Sonntag KANTATE (d.h. „Singet!“), für den ja unser Psalmvers namensgebend war: „Neu ist ein Lied, das uns neu macht – auch wenn es ein uraltes ist!“ 

Welches Lied, welches Singen macht uns neu? Sicher nicht eines, dass uns 40 Jahre lang auf ein und dieselbe Interpretation festlegt, wie so manches One-Hit-Wonder (z.B. Opus mit „Life is live“). Einmal einen Ohrwurm produziert und dann bis zum Rentenalter damit über Volksfeste tingeln – schrecklich! Singen, das jung hält, demonstrieren dagegen die Rolling Stones: Ihre Auftritte vor Millionen in Havanna und anderen Städten zeugen von einer großartigen Vitalität. 

Wir singen aber zunächst erstmal für uns selbst. Wir dürfen uns hören lassen! Unsere Stimme ist unser vom Schöpfer geschenktes Instrument, das gebraucht werden möchte. Wenn Heiligabend 1000 Leute in einem Dom sitzen und man sieht nur, wie die Lippen sich bewegen, hört aber nichts – dann ‚stimmt‘ da etwas nicht. 

Schön, dass in unserer Gemeinde so gern gesungen wird und das nicht nur an Weihnachten! Selbst bei den Trauerfeiern ist in der Regel die Gemeinde zu hören. Das stimmt mich immer wieder zuversichtlich. 

Noch einmal zurück zu Dietrich Bonhoeffer: Der hat in seiner Konfrontation mit dem Gott sei Dank vor 75 Jahren untergegangenen menschenverachtenden Naziregime auch seiner – also unserer – Kirche auf den Zahn gefühlt. Demografischer Wandel und Säkularisation dürften uns in nicht allzu ferner Zukunft zu denselben Frage bringen, vor denen Bonhoeffer damals stand: Was bleibt vom Christentum, wenn die Institutionen schwinden? Bonhoeffer antwortete: „Beten und Tun des Gerechten.“ Und im Blick auf die Musik verknüpfte er Gottes- und Weltdienst: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ Insofern sollten wir mit unserem Singen und dem Nachdenken darüber nicht zuerst nach Modernität schielen, sondern nach Relevanz für uns selbst und unsere Zeit fragen: Wo verändert kirchliches Singen die Gesellschaft oder wo stiftet es zu neuer Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe an?

Wichtig ist auf dem weiten Feld des Singens auch, dass wir aufeinander hören und die unterschiedlichen Vorlieben und Begabungen gelten lassen und wertschätzen! Dann kann sich unser Gott auch heute noch als wundertätig erweisen.* Ein singendes Herz und ein lobender Mund sind eine Tür dazu… 

Singet dem Herrn ein neues Lied…  Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen 

Ihr Pastor Ulrich Palmer 

* Gottes Name JHWH lässt sich – neben anderen Möglichkeiten – ja auch so übersetzen: „Ich werde mich erweisen, als der ich mich erweisen werde.“

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