Sonntag, 24.05.2020 – Exaudi

Wir wollen gut verwalten, was du uns anvertraut,
verantwortlich gestalten, was unsre Zukunft baut.
Herr, lass uns nur nicht fallen in Blindheit und Gericht.
Erhalte uns und allen des Lebens Gleichgewicht.

Detlev Block, Hohes und Tiefes 360,4
zur Melodie von Johann Steurlein „Wie lieblich ist der Maien“ Ev. Gesangbuch 501

Liebe Gemeinde, liebe Freunde unserer Webseite!

Über mehrere Wochen ohne Gottesdienste in den Kirchen fanden Sie jetzt an dieser Stelle Gedanken zu den Sonntagen zusammen mit Liedern und Musik. Himmelfahrt als besonderes Christusfest war gestern ein guter Tag für unsere ersten Gottesdienste in Gemeinschaft. Es war ein ermutigender Auftakt! Mit Pfingsten folgt schon bald der nächste Höhepunkt des Kirchenjahres; auch das ‚Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes‘ feiern wir mit Gottesdiensten in beiden Kirchen. Deshalb gibt es zu diesem ‚Exaudi‘ genannten Sonntag vor Pfingsten dieses Web-Format zum letzten Mal, bevor wir dann im Juni zum vertrauten Gottesdienstrhythmus zurückkehren. Wie lange uns dabei die Sonderbedingungen der Corona-Auflagen begleiten, ist derzeit ja noch völlig ungewiss.

Heute möchte ich auf eine Liedstrophe eingehen, die Sie hier auch hören können. Zum einen will ich damit Monika Glindmeier und Karoline Fiedler meine Reverenz erweisen. Die beiden haben mit großer Liebe, Geduld und Ausdauer in den letzten Wochen fast täglich geübt, gespielt und Stücke für die Webseite und zum Verteilen über Whatsapp in den Gruppen aufgenommen und so das Gotteslob am Klingen gehalten. Zum anderen mag ich den vierstimmigen Satz zu dieser Melodie sehr, er ist mir sozusagen auf den Leib geschrieben. Und der Text dieses vierten von fünf Verse hat es in sich:

„Wir wollen gut verwalten…“ – grammatisch ist das ein Kohortativ. Ein was? Eine Selbstaufforderung; man könnte auch sagen: „Lasst uns doch endlich…“ Aus dem Wissen, was nötig ist, soll mit Gottes Hilfe Wirklichkeit, Tat werden. In der Zeit unter dem Corona-Regime hatten wir wohl alle genügend Zeit zum Nachdenken. Nicht nur in kirchlichen Medien, auch in der Tagespresse gibt es nun so manchen Beitrag mit dem Tenor: ‚Zurück zur Normalität? Warum soll die Hektik und das Heißlaufen von Wirtschaft und Konsum normal sein?‘ Dass es mit unserer fleischverarbeitenden Industrie so nicht weitergehen kann, wissen wir schon lange. Änderungen wurden durch Coronainfektionen der ‚kasernierten‘ Werkvertragsmitarbeiter jetzt jedoch unabweisbar. Müsste da nicht auch ein Selbstverpflichtung des Lebensmittelhandels folgen – etwa nicht mehr zwei, sondern nur noch maximal eine halbe Seite Fleischwerbung in die Prospekte zu drucken? Und wie erreichen wir Einigkeit zwischen Handel und Kunden, dass hier weniger wirklich mehr ist? Wir brauchen viele kleine Bausteine für die Zukunft! Alle sollten den ihren beisteuern und den Baustein des anderen wertschätzen. Jetzt. Hier. Heute. Was sind die richtigen Bausteine für uns als Kirche und als Kirchengemeinde?

„Herr, lass uns nur nicht fallen in Blindheit und Gericht…“ dichtete Detlev Block schon 1978 weiter. Das war vor dem letzten großen Wettrüsten des Kalten Krieges, und vor all den großen Seuchen der letzten Jahrzehnte! Es kann nicht genug betont werden, dass Kriege menschengemacht sind und dass auch Pandemien in keinem Falle Werk oder Strafe Gottes sind. Sie sind Teil der Natur. Wir Menschen neigen aber leider dazu, ‚Vogel-Strauß-Politik‘ zu betreiben – alles wird toleriert oder ignoriert, solange es nicht vor meiner Haustür ist: Autobahn, Windenergie, Flüchtlinge…. Schaffen wir es, gemeinsam den Blick auf die wirklich wichtigen Dinge zu lenken und dann die von den Fridays for future so nachdrücklich eingeforderte Weltgemeinschaft als Bezugsgröße möglichst vieler Entscheidungen zu wählen? Weil es eben nur die eine Erde gibt! Die aktuelle Tendenz zu Protektionismus und nationalen Alleingängen lässt da nur wenig Raum für Optimismus. Damit und mit so manch anderen Faktoren spricht sich die Menschheit selbst das Urteil: „Nicht überlebensfähig!“

Manch einer beklagt hier, dass die Kirche sich zu viel oder nur noch mit Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen beschäftige; sie sei doch für das Seelenheil da. Gut gebrüllt, Löwe! Sicherlich dürfen die Glaubenspraxis und die Christusverkündigung nicht hinter Umweltthemen zurücktreten. Heil und Erlösung kommen nun einmal nur von Gott her und alle menschlichen Versuche der Selbsterlösung endeten in krachenden Katastrophen. Doch Christen sind trotz ihres weiteren Horizonts nicht weltfremd: „Wer weiß, dass für das HEIL der Welt alles getan ist, kann für ihr WOHL gar nicht genug tun.“ So brachte es ein deutscher Theologe im vorigen Jahrhundert auf den Punkt.

Der Dichter schließt: „Erhalte uns und allen des Lebens Gleichgewicht.“ Wohl alle kennen wir die tröstliche Zusage Gottes nach der Sintflut: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (Genesis 8,22) Nehmen wir doch diesen Duktus auf und schreiben ihn fort: Es sollen nicht aufhören: Arbeiten und Ausruhen, Maßhalten und fröhlich Feiern, Fürsorge und Selbstsorge, Heimatgefühl und Fernweh, Freiheit und Verantwortung…

Jeder mag für sich die Reihe fortsetzen und damit „des Lebens Gleichgewicht“ selbst buchstabieren; die Spannung zwischen den beiden Polen ausbalancieren. Es lohnt sich!

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Ihr Pastor Ulrich Palmer

2 Antworten auf „Sonntag, 24.05.2020 – Exaudi“

  1. Danke. Musik und Worte – Gott sei Dank für beides. Mögen diese Worte zum Mitmachen und Weiterdenken anregen. Unser Glauben verpflichtet uns dazu, Gewohnheiten und gängige Praktiken zu hinterfragen. Eine Kirche, die sich nicht traut, für Gerechtigkeit, gerechten Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten, hätte kaum Berechtigung zum Weiterbestehen. Aber jede und jeder Einzelne zählt. Und jede / jeder kann in seinem Umfeld etwas dazu beitragen, dass unsere Welt ein freudlicheres und ein menschlicheres Antlitz erhält.

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