Gedanken zu Erntedank

Liebe Freunde unserer Kirchengemeinde, liebe LeserInnen! 

Auch wenn die Christuskirchengemeinde – wie auch z.B. die Barmstedter Nachbarn – schon am 27. September Erntedank gefeiert haben, ist doch der offizielle Termin der vierte Oktober. So möchte ich unserer Website und damit Ihnen diese – vor unserem Gottesdienst an der Kirche hier entstandene –  Gedanken noch anvertrauen, auch wenn sie im Trubel des letzten Wochenendes liegenblieben:  

„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

(1. Buch Mose 8,22) 

Gilt das auch für ein Erntedankfest „unter Corona-Bedingungen“? Denn seit März steht dies ja als Vorzeichen vor allen unseren Aktivitäten. 

Oft war und ist es ein „Minus“ – Schulen und Kindergärten, Kirchen und Geschäfte waren geschlossen; in anderen Ländern wird gerade ein zweiter Lockdown diskutiert oder verhängt. Viele Geschäfte, vor allem die Veranstaltungs- und Tourismusbranche mit der Gastronomie haben gelitten und sind in ihrer Existenz bedroht. Viele sehnen sich nach einem Alltag ohne Corona zurück. Es gibt für so manche Branche Spekulationen, wann sich der wohl wieder einstellen könnte. 

Das „Plus“ zu bestimmen, ist eine gewagte Sache, vor allem wohl eine sehr persönliche. Einhellig, auch in der Kirche, wird beschleunigte Digitalisierung als Gewinn erachtet. Wir sehen es weniger in Verminderung der Papierflut, aber in so mancher weite Fahrten überflüssig machenden Videokonferenz. Die Ruhe durch den verminderten Flug- und Verkehrslärm sowie weniger Staus leuchten noch ein. Aber bei vermindertem Bierabsatz durch geschlossene Kneipen und Stadien wird es schon knifflig. Wollen wir, sollten wir da zum Vor-Corona-Alltag zurück?

Feiertage wie das Erntedankfest sind ja als Gegenpole, als Ausgleich zum Alltag gedacht. Schon sie schlicht einzuhalten, ist oft Aufgabe genug; man denke an die Debatten um die Sonntagsöffnung von Geschäften, an den erlaubten Beginn von Sportveranstaltungen und an das Tanzverbot an den sogenannten stillen Feiertagen. Feiertage recht zu gestalten, ja innerlich zu bejahen, wie es das dritte Gebot fordert, ist schon richtig schwer! Oder es wird schön, wenn man den Sinn der Sache verstanden hat. Und vor allen Dingen wird einem auch der Sinn der Arbeit neu aufgehen. 

Zum Erntedankfest steht die Arbeit unserer Landwirte und der Beschäftigten in der Lebensmittelindustrie im Fokus. In diesen Bereichen sind heute nicht mehr viele Menschen tätig. Vielleicht fällt es der gesellschaftlichen Öffentlichkeit deswegen so schwer, in der Debatte um zukunftsfähige Landwirtschaft sachlich zu bleiben. Zu leicht werden die Bauern als Alleinschuldige an Umweltproblemen ausgemacht, zu leicht werden die Fleischkonzerne verteufelt – und am eigenen Verhalten im Supermarkt entlarvt sich das als Heuchelei. 

In früheren Jahrhunderten war neben dem Broterwerb dagegen nur eine Minderheit für Handwerk und Kultur frei und es war absoluter Luxus, nicht für den täglichen Unterhalt arbeiten zu müssen. Die griechisch-römische Antike definierte damit Freiheit: Der Freie als der Mensch im eigentlichen Sinne DENKT; körperlich ARBEITEN ist Sklavensache. 

So sehr die antiken Philosophen und Herren im Denken etwas originär Menschliches erkannt hatten und auch ihre Gedanken über Gott und Religion uns bis heute beschäftigen – Wertschätzung der Arbeit kommt aus dem Christentum! Was wäre unsere Welt ohne die Gleichnisse Jesu aus der Landwirtschaft? Wieviel Motivation, sich einzusetzen, sich zu mühen und auf den manchmal im wahrsten Sinne „unverdienten“ Ertrag zu hoffen, würde fehlen. Ohne die Warnung, sein Leben auf Vorrat absichern zu können; ohne das Hoffnungsbild einer Gesellschaft, die jedem ungeachtet der Leistung und Leistungsfähigkeit das „tägliche Brot“ gönnt – wir wären ärmer und bloße Sklaven des Leistungsdrucks. Sozialdarwinismus nennt man das: nur wer nützt, darf leben. Ideen, die nicht nur zur Nazizeit in den Untergang führten – das tun sie auch heute, wo sie im rechtspopulistischen Gewand daherkommen. 

Ein Mönchsvater aus dem 5. Jahrhundert hat uns mit seiner abgekürzt als ora et labora – Bete und arbeite! – bekannten Regel für Mönche einen der ganz großen Würfe der Ideengeschichte hinterlassen. Gerade am Ausgang der Antike lehrte er Arbeit als gottgefällig. Notker Wolf, der Abtprimas des nach Benedikt benannten Ordens, schrieb 2009 in seinem absolut lesenswerten Buch ‚Von den Mönchen lernen‘: „Benedikt war hinsichtlich der Forderung nach einer hohen Arbeitsmoral deshalb so radikal, weil diese Askese (=Enthaltsamkeit, hier von Müßiggang. U.P.) ebenso reinigend wirken sollte wie das Gebet. Für Benedikt ist das Arbeiten nicht der Ausgleich für übermäßiges Beten oder umgekehrt, für Benedikt ist Arbeit eine andere Form des Gebets. Arbeit sollte eine andere Form der Kontaktaufnahme mit Gott sein, eine Arbeit für Gott, nicht für die Sache oder für mich selbst… Benedikt legt den Akzent auf das ‚und‘; ein ‚oder‘ gibt es nicht. Wenn wir eines der beiden Prinzipien übertreiben, werden wir zu Arbeitsmaschinen oder Gebetsmühlen.“ 

In diesem Sinne gehört unser Erntedankfest zu den unaufgebbaren Festen. Nicht nur, weil es für’s Auge schön ist! Auf den von unseren Landfrauen gestalteten Schmuck von Kirche oder Erntewagen dürfen wir uns ja jedes Jahr neu freuen. Sondern ganz besonders, weil es die Frage nach dem Gleichgewicht des Lebens offen hält: Die Frage, wem wir dankbar sein können, wem wir zu danken haben. Das Dankgebet gehört nicht nur in den Erntedankgottesdienst, sondern in den Alltag – damit wir nicht alltäglich werden, sondern menschlich bleiben. 

Dass unsere Landwirte Dank verdienen, ist uns Dorfleuten auch bei abnehmender Höfezahl noch klar. Dass unsere Bauern aber mehr sind als Sklaven der Marktgesetze und Anhängsel der riesigen Maschinen oder gigantischer Ställe, sollte uns und der gesamten Gesellschaft am Herzen liegen – sie arbeiten in Benedikts Sinn in besonderer Weise „für Gott“. Nicht nur in der Landwirtschaft, aber da ganz besonders zeigt sich, dass rein gewinnorientiertes quantitatives Wachstum nicht nur nicht beherrschbar ist, sondern die zuerst von anderen, aber dann von allen auszubadenden Krisen mit verursacht. 

Da wieder ins Gleichgewicht zu kommen, bevor unsere Erde in die unumkehrbare Katastrophe abstürzt, ist vielleicht nicht mehr viel Zeit. So sehr hat der Mensch sie ins Wanken gebracht! Da werden die eingangs erwähnten, über Jahrhunderte tröstenden und durch Hungersnöte und Seuchenzeiten tragenden Worte vom Anfang der Bibel zum grellroten Warnschild!

Noch haben wir Zeit, aus Dankbarkeit umzukehren. Das begriffen zu haben, könnte das größte Plus aus der Coronazeit werden. Dazu helfe uns Gott! 

Ihr Ulrich Palmer

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