Sonntag, 26.04.2020 – Misericordias Domini

„Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!“ – oder: „Wann ist Umkehr angesagt?“

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„Wir wissen nicht, wohin Gott uns führt. Wir wissen nur, dass er uns führt.“ Dieser Edith Stein zugeschriebene Satz (im Singular wird er auch mit Gorch Fock in Verbindung gebracht) drängt sich mir zu diesem Sonntag „vom guten Hirten“ (Misericordias Domini, 2. So. nach Ostern) auf. Wohin führt uns unser auferstandener Herr in dieser denkwürdigen Zeit? Oder sollten wir besser fragen: Wozu?

Ich schreibe diese Zeilen an meinem 60. Geburtstag. Ohne Corona würde ich in Hohenfelde mit der dortigen Konfirmandengruppe die einmal für den 26. April geplante Einsegnung vorbereiten. Nun wissen wir noch gar nicht, wann wir überhaupt planen können, und wie wir dann die Konfirmation ins hoffentlich bald wieder in Bewegung kommende Gemeindeleben eintakten. Mit meiner Geburtstagsfeier ist es viel einfacher:  So Gott will und wir leben wird es im nächsten Jahr wieder einen Geburtstag geben. So feiern wir dann 2021. 

Diese Feste mussten wir aus äußeren Gründen verschieben. Manchmal bedingen auch persönliche Gründe einen Aufschub. Solange nach menschlichem Ermessen Ort und Zeit dafür vorhanden sind, sind die Auswirkungen auf unser Leben beherrschbar. Für einen Menschen von 95 Jahren, der sich so gerade noch mal zum Feiern ermutigen ließ, ist die erzwungene Absage schon deutlich schwerer zu verkraften.

Es gibt aber auch Dinge, die vertragen überhaupt keinen Aufschub. Für Jesus, dessen Auferstehung die österliche Freudenzeit bestimmt, war Vergebung und Versöhnung immer wieder die zentrale Botschaft. Diese zu erbitten und zu gewähren sind Kern der Umkehr, der Buße, des Sinneswandels und damit sozusagen die Schranken zum Gottesreich. Aus Gottes Sicht macht denn auch das Osterlied „Er ist erstanden, Halleluja!“ (EG 116) im Refrain immer wieder deutlich: „Sünd ist vergeben, Halleluja, Jesus bringt Leben, Halleluja!“ 

Was ist Sünde, die uns von Gott trennt wie ein Sund die Insel vom Festland? Für mich am treffendsten definiert es eine jüdische Weisheit: „Die Sünde des Menschen ist nicht, dass er fehlt. Denn seine Kraft ist klein und die Versuchung ist groß. Die Sünde des Menschen ist, dass er jeden Tag umkehren kann und es nicht tut.“

Wovon wir umkehren müssen, lässt sich mit etwas gutem Willen leicht aufzählen: Der jede Nachhaltigkeitsüberlegungen sprengende Ressourcenverbrauch, das Wirtschaftswachstum als das immer noch entscheidende Kriterium politischen Handelns, das durch sein Andauern in vielen Gebieten der Welt wenig Gutes verheißende Bevölkerungswachstum, die Vergeudung von Mitteln für Rüstung und Krieg statt für lebenswichtige Projekte, für uns in Deutschland vielleicht besonders die Schieflage bei unserem gewaltigen Exportüberschuss… 

Der Einzelne wurde früher – zumindest als potentieller Abendmahlsgast – vom Pastor direkt im Beichtgespräch gefragt, wovon er denn wohl umkehren müsse.

Das halten wir heute nicht mehr so. Das Angebot der Beichte, sich über Seelennot auszusprechen, gibt es aber nach wie vor.  Den zwingenden Zusammenhang von Einsicht, Aussprechen und dann zugesprochener Vergebung – wir können auch sagen: ermöglichter Versöhnung – beschrieb Dietrich Bonhoeffer richtig als „teure Gnade“ und warnte vor einem „Schwamm drüber–Denken“ als einem billigen Abklatsch davon.

Das vorhin zitierte Lied nimmt das durch Tod und Auferstehung Jesu bekräftigte Angebot Gottes sozusagen als höchstinstanzliches Urteil beim Wort. Es bejubelt die Freiheit zu einem Leben, das diesen Namen verdient. Und definiert damit Verweigerung solch wirklichen Lebens („Ich brauche nichts zu ändern, ich brauche mich nicht zu ändern. Die anderen sind schuld!“) mit Tiefgang und Hoffnung als Tod – denn wer Vergebung und Versöhnung auch mit den eigenen Grenzen und Schwächen verweigert, schneidet sich leicht Wurzeln und Nahrung für seine Seele ab.

Jesus möchte uns zum Leben führen. Wo wir etwas bemerken, das dem im Wege steht, duldet die Veränderung keinen Aufschub. Alles andere hat Zeit und kann nachgeholt werden – der heute nötige Neuanfang nicht. Möge uns die Bewältigung der Corona-Krise so manchen heilsamen Neuanfang bringen!

Ihr Pastor Ulrich Palmer

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