Karfreitag, 10.4.2020

Liebe Freunde unserer Webseite!
Ist es Ihnen auch aufgefallen? Es wird kaum noch von Passion gesprochen, nicht einmal mehr bei uns Evangelischen. Um die evangelische „Fastenaktion“ 7 WOCHEN OHNE gibt es jedes Jahr neue Werbung. Ob dabei das „Fasten“ eher katholisch sei, können wir offen lassen – sicher aber ist, dass der Karfreitag seine Rolle als höchster evangelischer Feiertag lange eingebüßt hat.

Was da gerade mit den jährlich neu ausgerichteten 7 WOCHEN OHNE angestrebt wird, ist gewiss nicht verwerflich. Es gehört aber eher in das Kapitel „Heiligung“ des christlichen Lebens! Wie gestalte ich mein Leben in der Nachfolge Jesu Christi? Wie wird bildhaft, dass ich zur Gemeinschaft der Heiligen gehöre und aus der Hoffnung auf die Auferstehung lebe? Hinterlässt es Spuren bei mir, dass Jesus auch FÜR MICH gestorben ist?
Die Passion Jesu mit dem Tod am Kreuz als ihrem Gipfelpunkt gehört in das andere wichtige dogmatische Kapitel, der „Rechtfertigung“.
Jesu Sterben bringt unüberholbar und unüberbietbar das Verhältnis Gottes zu uns Menschen zurecht, es bringt Gott zu seinem Recht. Geben wir den Glauben daran auf, verlieren wir die Mitte des reformatorischen Kirche-Seins.
Die neutestamentlichen Schriften waren an Christen der ersten Generation gerichtet. „Christus ist für uns gestorben, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 58). Was damals als Befreiung erlebt wurde, machte eine sündenfixierte Kirchengeschichte zur Drohkulisse der Seelenkontrolle oder die Volksfrömmigkeit zur Bagatelle („wir sind allzumal Sünder…“) Jesus selbst konnte wiederholt sagen: „Es wird mehr Freude im Himmel sein über einen Sünder der umkehrt, als über 99 Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen.“ (Lukas 157) Deren ‚Sünde‘ wäre dann allenfalls, sich nicht mitfreuen zu können.

Über echtes und falsches Schuldgefühl gibt es manch kluge Bücher. Auch Erfahrungen aus der Notfallseelsorge bestätigen eine uralte menschliche Prägung: Der Mensch fühlt sich lieber schuldig als unsicher. Wo Schuld ist, muss sie natürlich benannt und bekannt werden, damit Vergebung und damit Neuanfang gelingen können. Beispielsweise im Blick auf unsere Wirtschafts- und Lebensweise und deren Folgen für die Schöpfung (Stichwort: Ökologischer Fußabdruck). Wo aber falsches Schuldgefühl mich in einer trügerischen Sicherheit wiegt und den ehrlichen Blick auf mich selbst verhindert, muss ich in Gottes Namen damit aufräumen.

Passion heißt Leiden, aber auch Leidenschaft. Es geht ums Leiden am Karfreitag, nicht ums Fasten. Das freiwillige Leiden Jesu kann und will in jedem Jahr ein neuer Denkanstoß und Motivationsschub sein. Fange ich bei mir an, darf ich mir eingestehen: Ich leide nicht nur an Krankheiten, sondern auch an Mitmenschen wie an Lebens- und gesellschaftlichen Situationen. Schaue ich auf die anderen, kommt die Frage auf: Rührt mich ihr Leiden noch an? 15.000 Flüchtlinge im Lager Moria auf Lesbos sind eine Zahl – dahinter verbergen sich aber 15.000 Schicksale. Und die europäischen Länder schaffen es nicht einmal, 1 % davon zu retten… Sollte Gott daran nicht auch leiden? Sollte Christus nicht dort sein? Genau so, wie Gott auch mein ganz persönliches Leiden nicht egal und Christus mir nahe ist! Sollte Gott nicht ein Recht auf mitleidsfähige Geschöpfe haben?!

Das Mitleiden Gottes an seiner Welt will uns wachrütteln zu einer mitleidsfähigen Menschlichkeit. So hat es z.B. Dorothee Sölle als prominente Mystikerin des 20. Jahrhunderts ausgedrückt. Vielleicht ist dies als Deutung des Leidens Jesu am Kreuz eine heute tragfähigere Vorstellung als die alten Bilder von Stellvertretung oder Sühneopfer. Ich bin bzw. werde Gott recht, wenn ich Leiden wahr-nehme und mittrage! Es lohnt sich, mein ganz persönliches Gottesverständnis daraufhin zu prüfen und erneut bzw. erneuert zu buchstabieren. Mit Leidenschaft!

Einen gesegneten Karfreitag wünscht Ihnen Ihr Ihr Pastor Ulrich Palmer

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